| Forscher rätseln um Anstieg des Meeresspiegels |
| Quelle: bild der wissenschaft online |
|
Der Meeresspiegel steigt und steigt, doch niemand weiß so recht, warum. Die bisherigen Verdächtigen können nicht den gesamten Anstieg von 21 Zentimetern im vergangenen Jahrhundert erklären, schreibt Walter Munk von der Scripps Institution of Oceanography in Kalifornien im Fachblatt Proceedings of the National Academy of Sciences (Bd. 99, Nr. 10, S. 6550).
Wie Munk schreibt, tragen nach bisherigen Erkenntnissen im wesentlichen zwei Komponenten zum Anstieg des Meeresspiegels bei: Zum einen nimmt das Volumen des Meerwassers zu, weil es sich erwärmt und dabei ausdehnt. Zum anderen fließt Wasser aus schmelzenden Gletschern und aus den Polargebieten in die Weltmeere und vergrößert die Wassermenge. Die Experten des Klima-Rates IPCC gehen davon aus, dass es einen "historischen" Anstieg von 18 Zentimetern pro Jahrhundert gibt, der nach dem Ende der kleinen Eiszeit 1850 einsetzte und bis Mitte des 20. Jahrhunderts konstant blieb. Ab diesem Zeitpunkt kam ein zusätzlicher Beitrag durch den Treibhauseffekt dazu, der sechs Zentimeter pro Jahrhundert beträgt und dementsprechend in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts drei Zentimeter zum Anstieg des Meeresspiegels beitrug. Munk stellt eine einfache Rechnung auf: Im vergangenen Jahrhundert stieg der Meeresspiegel insgesamt um 21 Zentimeter, davon gingen sechs Zentimeter auf Kosten schmelzender Polkappen und drei Zentimeter auf Kosten der Erwärmung des Meerwassers durch den Treibhauseffekt. Zwölf Zentimeter des Anstiegs können nicht ohne weiteres erklärt werden, so Munk. Der Forscher bietet mögliche Lösungen für dieses Rätsel an: Zum einen könnte der Anstieg des Meeresspiegels überschätzt worden sein, weil er nur in Gegenden mit überdurchschnittlich starkem Anstieg gemessen wurde. Satellitenmessungen der Meereshöhe von 1993 bis 1998 scheinen dies zu bestätigen, sind aber wegen des kurzen Zeitraums möglicherweise nicht aussagekräftig. Eine zweite Möglichkeit: Das Meer hat in Wirklichkeit fünf Mal mehr Wärme aufgenommen als bislang gedacht, wobei die Wärme entweder in der Tiefsee oder im Südpolarmeer gespeichert worden sein müsste. Nur in diesen Gebieten fehlen systematische Messungen, in allen anderen Meeresgebieten kann sich die zusätzliche Wärme kaum versteckt halten. Die dritte Möglichkeit besteht Munk zufolge darin, dass mehr Eis an den Polen geschmolzen ist als bislang gedacht. Das müsste sich aber an der Rotation der Erde beobachten lassen: Wenn die Eismasse an den Polen weniger wird, müsste sich zum Beispiel die Drehung der Erde verlangsamen. Solche Effekte lassen sich durch Messdaten nicht bestätigen, doch Munk argwöhnt, dass das auf einem Zirkelschluss beruht: Die Erdmodelle, auf denen diese Rechnungen beruhen, wurden gerade so an die Daten angepasst, dass die Beobachtungen hinterher wieder herauskommen. Das Rätsel um den Meeresspiegelanstieg bleibt also ungelöst. Das wirft insofern Probleme auf, als Prognosen für die Zukunft mit großen Unsicherheiten behaftet bleiben. Schon jetzt seien soziale und ökonomische Folgen des Meeresspiegelanstiegs spürbar, schreiben Mark Meier und John Wahr von der University of Colorado in Boulder in einem begleitenden Kommentar. Es sei daher beunruhigend, dass der Zusammenhang zwischen Erwärmung und Meeresspiegelanstieg noch nicht richtig verstanden sei. |