16 Jahre nach Tschernobyl: Informationen zur Kontamination von Pilzen, Beeren und Wild
Quelle: Bundesamt für Strahlenschutz
(26.04.2002) Auch 16 Jahre nach Tschernobyl sind Auswirkungen der Reaktorkatastrophe in Deutschland zu beobachten. Zwar sind die Nahrungsmittel insgesamt nur sehr gering radioaktiv kontaminiert, einzelne Produkte wie Wild und bestimmte Pilzarten sind aber immer noch hoch belastet.

Bereits die ersten Jahre nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl zeigten, dass die Nahrungsmittel des Waldes wesentlich höher radioaktiv kontaminiert sein können als landwirtschaftliche Erzeugnisse. Dies liegt an der unterschiedlichen Beschaffenheit von Waldböden und landwirtschaftlich genutzten Böden. Die Aktivitätskonzentrationen von Cs-137 in landwirtschaftlichen Produkten liegen derzeit in Deutschland im Bereich von nur einigen Bq/kg und darunter. Anders stellt sich die Situation bei wild wachsenden Speisepilzen, Waldbeeren und beim Wildbret dar: Hier werden auch 16 Jahre nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl deutlich höhere Cs-137-Aktivitäten gemessen. Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) geht seit 1987 im Rahmen mehrerer Forschungsvorhaben der Frage nach, wie sich die Aktivitätskonzentrationen in diesen Nahrungsmitteln zeitlich entwickeln und welche Ursachen hierfür verantwortlich sind.

Bei Pilzen sind art- und standortspezifisch unterschiedliche Kontaminationen festzustellen. Dabei schwankt die Kontamination einer Pilzart von Standort zu Standort wesentlich stärker als die Änderungen von Jahr zu Jahr. In Südbayern und im Bayerischen Wald werden bei Maronenröhrlingen und Semmelstoppelpilzen noch bis zu einigen 1.000 Bq/kg Cs-137 gemessen, Steinpilze und Pfifferlinge können mehrere 100 bis 1.000 Bq/kg aufweisen, bei Parasolpilzen sind es bis zu 100 Bq/kg. Messungen des BfS an einem ausgewählten Waldstandort im Münchner Raum ergaben im Jahr 2001 für Cs-137 Werte bis ca. 3.500 Bq/kg für Semmelstoppelpilze und bis ca. 2.500 Bq/kg für Maronenröhrlinge. Steinpilze und Fichtenreizker lagen im Bereich von einigen 100 Bq/kg. Deutlich höher kontaminiert als alle übrigen Speisepilze waren die unterirdisch wachsenden Hirschtrüffel im Bayerischen Wald mit durchschnittlich 26.000 Bq/kg. Diese werden gezielt von Wildschweinen gesucht und gefressen.

Die Kontamination von Pilzen ist sowohl von der Cs-137-Konzentration in der Umgebung des Pilzmyzels als auch vom speziellen Anreicherungsvermögen der jeweiligen Pilzart abhängig. Da Radiocäsium langsam in tiefere Schichten des Waldbodens wandert, werden die Aktivitätswerte in Pilzen, die ihre Nährstoffe aus den oberen Bodenschichten beziehen, in den nächsten Jahren allmählich zurückgehen. Zugleich erwartet man, bei den wenigen Pilzarten mit Myzelien in den tiefer liegenden Bodenschichten nahezu unveränderte oder sogar leicht erhöhte Radiocäsiumaktivitäten zu messen.

Auch bei Waldbeeren kann der Cs-137-Gehalt je nach Art erheblich variieren, wobei Heidelbeeren und Preiselbeeren im Allgemeinen höhere Aktivitäten aufweisen als Himbeeren und Brombeeren. Im Münchner Raum erreichen die Cs-137-Aktivitäten von Heidelbeeren und Preiselbeeren Werte zwischen 50 und einigen 100 Bq/kg.

Wildbret ist je nach Tierart sehr unterschiedlich belastet. So wurden in einem vergleichsweise hoch belasteten Untersuchungsgebiet im Bayerischen Wald für Wildschweine in den letzten Jahren Werte von durchschnittlich 7.000 bis 9.000 Bq/kg (mit einem Spitzenwert von rund 65.000 Bq/kg) gemessen, während die Kontamination von Rehwild im Jahr 2000 im Mittel etwa 800 Bq/kg betrug. Die Ursache für die stark unterschiedliche Kontamination verschiedener Wildtierarten liegt im Wesentlichen in ihrem Ernährungsverhalten.

Das BfS hat ein Forschungsvorhaben initiiert, das die Ursachen für die vergleichsweise hohe Kontamination von Wildbret, insbesondere von Wildschweinen, detailliert aufklären und die zukünftige Kontamination von Wildschweinen prognostizieren soll.

Wichtig für die Beurteilung möglicher gesundheitlicher Folgen ist die Strahlenexposition, die sich aus dem Verzehr kontaminierter Lebensmittel ergibt. In Deutschland ist es nicht erlaubt, Lebensmittel mit einem Radiocäsiumgehalt von mehr als 600 Bq/kg in den Handel zu bringen. Diese Beschränkung gilt jedoch nicht für den Eigenverzehr. Die Aufnahme von 80.000 Bq Cs-137 entspricht einer Strahlenexposition von ca. 1 mSv. Der Verzehr von 200 g Pilzen mit etwa 4.000 Bq/kg Cs-137 hat beispielsweise eine Exposition von 0,01 mSv zur Folge (eine Exposition von 0,01 mSv entspricht weniger als einem Hundertstel der jährlichen natürlichen Strahlenexposition, die in Deutschland im Mittel zwischen 2 und 3 mSv liegt und je nach örtlichen Gegebenheiten bis zu 10 mSv erreichen kann). Wenn Wildbret, wild wachsende Speisepilze und Waldbeeren in üblichen Mengen verzehrt werden, ist die zusätzliche Strahlenexposition zwar vergleichsweise gering, aber vermeidbar. Wer seine persönliche Exposition minimieren möchte, sollte auf den Genuss dieser Lebensmittel verzichten.

Einen aufschlussreichen Überblick über die Folgen des Tschernobyl-Unfalls in Weißrussland, der Ukraine und in Russland gibt ein neuer Bericht der beiden UN-Organisationen UNICEF und UNDP The Human Consequences of the Chernobyl Nuclear Accident. Danach wird u.a. die Zahl der Fälle von Schilddrüsenkrebs bei Jugendlichen von rund 2.000 in den nächsten Jahren auf 8.000 bis 10.000 Erkrankungen steigen.