Korallen aus dem kalten Nordmeer!
von Günther Behrmann
Centre of Marine Research and Investigations on Cetacea
Kaum zu glauben, aber Sie haben richtig gelesen, nicht nur in warmen Meeresgebieten gibt es Korallen, sondern auch im kalten Nordmeer. Was wir im allgemeinen von den Korallen zu sehen bekommen, sind nur die leeren Wohnungen. Die kleinen Baumeister selber sind sehr empfindliche, primitive Tiere. Häufig sind sie durchsichtig, weil ihr Körper zum größten Teil aus Wasser besteht, manchmal schimmern sie auch in zarten Farben. Da die kleinen Korallentierchen mehrere Arme haben, nennt man sie auch Polypen. An ihren "Fußsohlen" sondern sie Substanzen ab, aus denen die Korallenstöcke aufgebaut werden. Nun gibt es im Nordmeer nicht nur Steinkorallen, sondern auch Leder- und Hornkorallen. Von den Biologen werden die Korallentiere nach dem Material geordnet, aus dem sie vorwiegend ihre Gehäuse bauen.

Lederkorallen bestehen aus kleinen, von Bindegewebe zusammengehaltenen Kalknadeln, die Hornkorallen aus hornigen Substanzen und kleinen Kalkplättchen. Steinkorallen, und von denen soll in diesem Artikel berichtet werden, bauen ihre Gehäuse aus Kalk auf, der sehr dicht und hart ist. Er ist so hart, daß er Stahl schneiden kann. Diese Erfahrung haben schon viele Seefahrer gemacht, deren Schiff in die Korallenriffe geriet.

Da die Korallentierchen ihre Wohnungen immer nur auf festen Substraten bauen, benutzen sie auch die abgestorbenen Korallenstöcke als Baugrund. So sind im Laufe von Millionen Jahren ganze Inseln aus Korallen entstanden. Haben diese Inseln eine runde Form und innen eine Lagune, nennt man sie Atolle. Die großen Korallenbänke werden von einfachen Tieren aufgebaut. Die Nahrung wird mit den Tentakeln eingefangen und durch den Mund in den Magen befördert. Die Verdauungsreste werden durch den Mund entfernt. Weil diese kleinen Korallentiere viele Arme haben, nennt man sie Polypen. Das hier gezeigte Korallentier ist in Wirlichkeit 1-2 cm groß.
    Schematisierte Steinkoralle
  • A. Der sechsstrahlige Polyp ausgestreckt und durchgeschnitten. T = Tentakel, M = Mund, S = Schlund, M = Magen, gepunktet = Kalkgehäuse. Zwischen der Außen- und Innenhaut kann Wasser gepumpt werden, wodurch sich der Polyp ausstreckt.
  • B. Bei Gefahr entweicht durch Poren in der Haut das Wasser, und der Polyp zieht sich in das Kalkgehäuse zurück.
  • C. Das von Polypen aufgebaute Kalkgehäuse ist innen durch Wände unterteilt, die aber erst sichtbar werden, wenn das Tier abgestorben ist.
Die im Mittelmeer vorkommende Edelkoralle hat einen besonders schön gefärbten dichten, harten Kalk, der sich gut zu Schmuck verarbeiten läßt. Da viele Frauen den Wunsch hatten, sich mit Korallenketten zu schmücken, sind die Edelkorallen nahezu ausgerottet. Alle anderen Korallen eignen sich nicht zur Schmuckverarbeitung.

Die Korallenpolypen (Abb. 1) sind wärmeliebend, und so haben sie sich vorwiegend in warmen Meeren um den Äquator herum angesiedelt. Hier kommen die Steinkorallen in großer Artenfülle vor. Doch einige Arten haben kältere Meeresgebiete besiedelt. Es ist auch möglich, daß sie hier schon waren, als unser Meer noch wärmer war als heute und sich im Laufe von Jahrmillionen an kälteres Wasser gewöhnt haben. Die Steinkorallen im Nordmeer bilden, genau wie ihre Verwandten in den warmen Meeren, Kolonien von beachtlicher Größe. Es sind vorwiegend die beiden Augenkorallen- arten Lophohelia prolifera und Amphihelia oculata, die an den Küsten Europas Riffe bilden. Außerdem gibt es aber noch einige einzeln lebende Korallenarten, die Kreisel- und Nelkenkorallen, die aber selten größer als 3 cm werden. Eine besonders schöne Kreiselkoralle ist die Stephanotrochus moseleyanus, die über fünf Zentimeter groß werden kann (Abb. 2).
Die schönste Kreiselkoralle "Stephanotrochus moseleyanus", gefunden in 400 Meter Tiefe im Fanggebiet Rosengarten.

Korallen können überall dort wachsen, wo sie harten Meeresboden finden, die Temperatur des Wassers sehr gleichmäßig ist und genügend Kalk zum Aufbau ihrer Gehäuse zur Verfügung steht. Ideale Lebensbedingungen finden die Steinkorallen überall dort im Nordmeer, wo das warme Wasser des Golfstromes, mit einer gleichbleibenden Temperatur um 6° C, den Schelfabhang überflutet oder auf steile Felsenküsten trifft. Einzelne Abzweigungen des Golfstromes erreichen die nördliche Spitze Norwegens oder Islands, und so können eben auch dort oben sich Korallenriffe bilden. Da die Korallenpolypen sehr empfindlich gegen Temperaturschwankungen und starke Wasserbewegungen sind, leben die nordischen Korallen in tieferen Meeresgebieten. Im allgemeinen wachsen die Korallenkolonien in Tiefen zwischen 60 bis 800 Metern. Die einzeln lebenden Korallen wurden auch noch in größeren Tiefen angetroffen.

Fischer fürchten diese Korallenriffe, denn sie zerreißen die Netze und beschädigen das Fanggeschirr. "Wie der Daumen durch die Butter" sagen die Seeleute, "schneiden die Korallen tiefe Rinnen in die Stahlkufen der Scherbretter". Weil die Korallenriffe im Nordmeer sehr tief liegen, sind sie jedoch keine Gefahr für die Schiffe, wie dies in der Südsee der Fall ist. Theoretisch könnten die im Nordmeer vorkommenden Korallenarten auch im Aquarium gehalten werden. Schwierigkeiten bereitet nur die Umsiedlung. Die sehr empfindlichen Tiere müßten von Tauchern nach oben geholt werden und ins Aquarium gelangen, ohne einmal das Wasser verlassen zu haben. Dann muß nur noch im Aquarium die Temperatur und der Salzgehalt vollkommen gleichmäßig gehalten werden, und dies ist wohl sehr schwer.

Die im Bild sichtbaren Korallen wurden mit Hilfe eines Spezialnetzes in einem isländischen Fjord in 600 Meter Tiefe von Felsen abgekratzt. Dabei gerieten auch alle Tiere mit ins Netz, die in oder auf den Korallen leben. Würmer, Schnecken, Muscheln, Schwämme und Hornkorallen, die mit den Steinkorallen leben, bilden die Nahrungsgrundlage vieler Fische, die andererseits aber auch Schutz vor ihren Feinden zwischen Korallen finden.

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